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Meine Fahrradhelm-Geschichte:
 
Zu meiner Person: Ich bin 26 Jahre alt und habe gerade meine Promotion in Physik begonnen.
    Seit ich zum Studieren nach Kiel gezogen bin, ist das Fahrrad mein wichtigstes Verkehrsmittel für Strecken unter 10km. Dank Semesterticket ist zwar die ÖPNV-Nutzung (= Busse) mit einer niedrigen Hemmschwelle verbunden, das Fahrrad ist mir jedoch immer noch die komfortabelste Wahl.
    Da ich mich nach dieser Erkenntnis als "professionellen Alltagsradler" einstufte, konnte ich mich natürlich auch den "Aufklärungs"-Kampagnen zum sicheren Fahren mit Helm nicht länger entziehen. Ca. 1995 habe ich mir schließlich so einen Styroporhut gekauft und bis Mitte 1998 getragen. Ich kam mir wer weiß wie geschützt vor. Bis de.rec.fahrrad in mein Leben trat.
    Im Nachhinein betrachtet hatte ich wohl folgende unreflektierte Meinung vom Helm:
  1. Es gibt viele Unfälle mit Kopfverletzungen
     
  2. Der Helm schützt mich davor (kleiner Zweifel: Was ist mit Gesicht und Nacken?)
     
  3. Schaden kann der Helm schon gar nicht
     
Meine heutige reflektierte Meinung ist das genaue Gegenteil.
  1. Das Helmtragen, erst recht ein Helmzwang (sei er gesetzlicher oder sozialer Natur) ist der wahre Hohn, gemessen am Risiko, beim Rad fahren eine Kopfverletzung zu erleiden ("Helmpflicht für Autoinsassen und Treppensteiger jetzt! Bevor noch mehr sterben!"). Das ersah ich aus der Statistik des Bundesamtes.
     
  2. Ein Wirkungsnachweis für Fahrradhelme fehlt. Die diversen Prüfnormen stellen gering(st)e Anforderungen. Die Ursachen für Schädel-Hirn-Traumata sind komplex und für den Laien z.T. überraschend.
     
  3. Ich lernte vom Phänomen der Risikokompensation (da bin ich selbst auch voll reingefallen).
     
  4. Der Freilandversuch in Australien hat gezeigt, daß eine Helmpflicht höchstens zur Abnahme des Radverkehrs führt, wobei die Übriggebliebenen, Helm tragenden, ein erhöhtes Verletzungrisiko haben. Dabei nehmen noch nicht mal die Kopfverletzungen gegenüber den sonstigen Verletzungsarten ab, was ja zu erwarten wäre, wenn Helme was nützen sollten. Das gleiche gilt für flächendeckenden "freiwilligen" Helmgebrauch, wie man an Neuseeland sieht.
     
  5. Durch den Helm erhöhen sich Gewicht und Wirkungsquerschnitt des Kopfes. Wird eine eventuell vorhandene Schutzwirkung des Helms dadurch wieder zunichte gemacht? Oder durch Risikokompensation? Oder dadurch, daß Helmträger- und Nichtträgerpopulationen sich auch in anderen Merkmalen als nur dem reinen Helmtrag-Aspekt unterscheiden?
     
  6. Ich habe mir in de.rec.fahrrad vorexerzieren lassen, welche Mängel die "Pro-Helm"-Studien aufweisen.
     
Ich bin Physiker. Es ist mir möglich, Untersuchungsergebnissen zu vertrauen, die dem "gesunden Menschenverstand" widersprechen, wenn mir denn die Methodik fehlerfrei erscheint. Das bedeutet nicht, daß ich auch verstehen muß, wie es zu diesem Ausgang kam.
    Aus all diesen Gründen trage ich derzeit beim Radfahren keinen Styroporhut.
 
mfg,
Carsten Lechte.

 
Autorenbeiträge:
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Christoph Kaufmann | Harald Kirsch | Karl Brodowsky | Kurt Fischer
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