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Nun, ich halte mich für einen rational denkenden Menschen, und dennoch habe ich mich vor langer Zeit für das Helmtragen entschieden, in einem längeren, allmählichen Entscheidungsprozeß aufgrund der verschiedensten Einflüsse und Informationen:
 
Grundgedanke 1:
  • Mofafahrer brauchen einen Helm, ich bin auf dem Rennrad schneller als ein (unfrisiertes) Mofa, ergo brauche ich auch einen Helm.
  • Mein damaliger Denkfehler:
    Mofahelme und Fahrradhelme haben eine vergleichbare Schutzwirkung.
Grundgedanke 2:
  • Ich bin als ernsthafter Alltagsradler ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer und habe daher die selben Rechten und Pflichten wie die anderen auch zu übernehmen, inclusive Eigenverantwortung und Selbstschutz.
  • Einschätzung aus heutiger Sicht:
    Der Gedanke an sich ist richtig, aber Helme sind nach meinem derzeitigen Wissensstand nicht geeignet, dieses Ziel zu erreichen, viel wichtiger sind vorausschauendes, selbstbewußtes Fahren und Rücksichtnahme auf andere.
    Die 10 Gebote des sicheren Radfahrens
Grundgedanke 3:
  • Ärzte, Verkehrsexperten, Fahrradclubfunktionäre sind Fachleute, die etwas von der Materie verstehen. Wenn sie einen Helm empfehlen, werden sie sich schon etwas dabei denken.
  • Ohne die oben genannten Gruppen beleidigen zu wollen, sehe ich die Sachlage heute ein ganz klein wenig anders. Muß ich wohl nicht näher ausführen, oder?
Grundgedanke 4:
  • Was sagt mir denn mein simpler gesunder Menschenverstand? Mit Kopf gegen Türstock? - Auweh! Mit Helm gegen Türstock? - Null problemo. Mit Kopf gegen Auto oder Boden? - Bestimmt noch viel mehr Auweh! Mit Helm gegen Auto oder Boden? - Hoffentlich nicht ganz so schlimm. Ergo: Vorsichtshalber mit Helm.
  • Damaliger Denkfehler: Türstöcke und Helmtestversuchsanordnungen können Maßstab für Unfallabläufe im richtigen Leben sein.
Heute also nach ebenfalls längerem Denk- und Entscheidungsprozeß ohne Helm. Wißt Ihr, was mir beim Umstieg am allerschwersten gefallen ist? Die Rolle des verantwortungsbewußten, vorausschauenden, pflichtbewußten vorbildhaften , vernünftigen Musterradlers aufzugeben, der durch das Tragen eines Helmes auch nach aussen hin seine Fähigkeit zum kritischen Mitdenken demonstriert. (Tja Leute, so schafft sich jeder seine Mythen selber :-)
    Besonders bitter: Ich habe mir das Tragen eines Helmes teuer erkaufen müssen, ich wurde deswegen angepflaumt, ausgelacht, bekam den Vogel gezeigt, Teenies wälzten sich in Lachkrämpfen am Boden...
    Ich aber biß tapfer die Zähne zusammen und dachte mir: "Wartet nur, ihr werdet schon noch schlauer werden." Zunächst verfolgte ich die zunehmenden Kampagnen noch mit Genugtuung, irgendwann überfiel mich aber dann doch aufgrund der einseitigen Propagierung unter Vernachlässigung der meisten anderen Aspekte so etwas wie ein leises Unbehagen. Auch mißfiel mir dieser penetrante Appell an das schlechte Gewissen, der so vielen Kampagnen innewohnt.
    Kleines Beispiel: Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich so an den Helm, daß ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, mich ohne ihn in den Verkehr zu wagen, ich fühlte mich einfach nicht wohl dabei, da war irgendso ein latentes, aber deutlich spürbares Unbehagen. Eines Tages hatte ich aus irgendeinem Grund keinen Helm auf meiner Tour auf, und fühlte mich spürbar unbehaglich, wollte aber nicht mehr umkehren und den Helm holen, da ich schon zu weit weg von zu hause war. In Traunstein hatte ich dann tatsächlich einen Beinaheunfall: ein Auto kam plötzlich aus einer Einfahrt und ich konnte einen Zusammenstoß gerade noch vermeiden. Ohne lang zu überlegen fuhr ich zum Fahrradhändler und kaufte mir einen neün Helm, den OGK-Triathlonhelm, und siehe da, sofort fühlte ich mich besser, richtiggehend erleichtert.
    Einige Zeit später mußte ich dann in einer Zeitschrift lesen, daß gerade mein Helm, der mir doch so ein sicheres Gefühl gab, bei einem Test miserabel abgeschnitten hatte, wegen der großflächigen Lüftungslöcher. Der Schutz gegen spitze Gegenstände sei alles andere als optimal. Ihr könnt euch wohl denken, daß mein Vertrauen in meinen Helm schlagartig abnahm und ich mir bald einen anderen zulegte.
    Tja und ich nehme an, daß mir dadurch im Laufe der Zeit klargeworden ist, daß das sichere Gefühl, das ich beim Tragen des Helms empfand, sehr relativ war und nicht unbedingt tief aus mir selbst kam, sondern weit eher suggeriert war, sehr wirkungsvoll allerdings und psychlogisch geschickt. Mein Respekt an alle, die den ganzen Zauber schneller durchschaut haben oder erst gar nicht darauf hereingefallen sind.
    Ich schreibe das in dieser Ausführlichkeit um Euch zu zeigen, daß nicht nur gedankenlose Deppen einen Helm tragen, oft sind es ernsthafte Radler, die sich wirklich Gedanken machen. Ich möchte also dazu aufrufen, einseitiges Schablonendenken sein zu lassen und uns gegenseitig mit Respekt zu behandeln.
 
Danke,
Kurt

 
Autorenbeiträge:
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