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Ich fahre viel mit dem Fahrrad im normalen Straßenverkehr und trage dabei keinen Helm - warum nicht ? Aber das ist eigentlich die falsche Frage. Die richtige Frage sollte eher lauten: "Warum sollte ich zum Fahrradfahren einen Helm aufsetzen?", oder vielleicht genauer: "Was nutzt mir als Radfahrer ein Radhelm?"
    Abgesehen davon, daß ich viel mit dem Rad fahre, bin ich Physiker und arbeite auch als Programmierer. In beiden Berufen kommt es darauf an, zunächst einmal die richtige Frage zu stellen. Wenn man diese richtige Frage gefunden hat, ist die Antwort normalerweise auch nicht mehr weit. Stellt man allerdings die falsche Frage, oder auch die richtige Frage zu ungenau, kommt man nur noch durch Zufall zu einer richtigen Antwort.
    "Welchen Nutzen erwarte ich als Fahrradfahrer von einem Radhelm?", ist zunächst einmal eine Frage, die ich mir stelle. Mein Vorschlag für eine Antwort wäre: "Schutz vor Verletzungen mit bleibenden Schäden." Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich also die Helmfrage so formulieren: "Welchen Schutz vor Verletzungen mit bleibenden Schäden bietet ein Radhelm mir als Radfahrer im normalen Straßenverkehr?"
    Eine Antwort auf diese Frage zu finden, war nicht ganz so einfach. Mein Gefühl sagte zunächst einmal, daß ein Helm doch bestimmt einen gewissen Schutz bringt und, selbst wenn es nur ein geringer Schutz ist, so doch zumindest nicht schaden kann. Dazu kam, daß meine Mutter in einem Spezialkrankenhaus arbeitete und dort auch Patienten betreute, die nach einem Sturz vom Fahrrad bleibende Hirnschäden davongetragen hatten. Damit im Hinterkopf habe ich mir einen Helm gekauft und ihn auch aufgesetzt. Zumindest auf längeren Strecken.
    Später habe ich dann drf kennengelernt und festgestellt, daß die Antwort auf die Frage anscheinend doch nicht ganz so einfach ist. Alle, die bisher versucht haben, eine Antwort zu finden, kamen zu dem Schluß, daß ein Radhelm einem Radfahrer als Teilnehmer im normalen Straßenverkehr keinen erkennbaren Schutz vor Verletzungen mit bleibenden Schäden bietet. Keinen. Im Gegenzug dazu kenne ich einige der Nachteile eines Radhems aus persönlicher Erfahrung: er kostet Geld (das ich lieber in andere Dinge investiere), er ist unbequem (vor allem mit langen Haaren) und er ist immer im Weg, so lange ich ihn nicht gerade auf dem Kopf habe (und selbst da von Zeit zu Zeit).
    Seitdem liegen meine beiden Helme in der Rumpelkammer und sammeln Staub. Wenn eine ehrliche Untersuchung einmal zu dem Schluß kommen sollte "Die Benutzung eines Radhelms bietet einem Radfahrer im normalen Straßenverkehr eine um x% bessere Chance, keine Verletzungen mit bleibenden Schäden zu erleiden", hole ich sie vielleicht wieder heraus - wenn die bessere Chance zusammen mit dem an sich geringen Unfallrisiko (es ist zumindest nicht höher als bei vielen anderen Dingen, die ich täglich tue) für mich die Nachteile eines Radhelms wettmachen kann.
 
Dr. rer. nat. Markus Imhof
markus.imhof@cityweb.de
 

 
PS
Ich möchte in einem Nachsatz vielleicht doch noch kurz auf die vielzitierte Harborview-Helmstudie eingehen, die als einzige veröffentlichte Studie zu dem Schluß zu kommen scheint, daß das Tragen eines Radhelms das Risko einer Hirnverletzung um über 50% reduziert. Diese Studie stellte aber für mich die falsche Frage. Die Frage in dieser Studie war: "Welche Auswirkungen hatte das Tragen eines Helmes auf die Verletzungen von Fahrradfahrern, die nach einem Unfall in ein Krankenhaus eingeliefert wurden?".
    Es wurde weder die Frage untersucht, in welchem Zusammenhang der entsprechende Unfall eingetreten war (Straßenverkehr? Downhillrennen?), noch wird die Frage beantwortet, ob der Prozentsatz der Helmträger unter den Unfallopfern sich mit dem Prozentsatz der Helmträger unter den Fahrradfahrern (Straße? Downhill?) deckt.

 
Autorenbeiträge:
Anton Ertl | Bernd Sluka | Carsten Lechte | Christian Sachs
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