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Newsgroups: de.rec.fahrrad
Subject: Re: Helm hat geholfen
From: Mathias Böwe < [Reply Adresse gelöscht] >
Date: Sat, 23 Jun 2001 01:10:31 +0200

[Name u. Reply Adresse gelöscht] wrote:

> Die ständigen Unterstellungen, Helmträger hätten irgendeinen Schaden,
> den sie mit dem Helm kaschieren wollten (ob nun am Rad oder sonstwo)
> gehen mir auf den Senkel.
Wie kommst Du denn auf den Trichter? Wenn Du Dir diesen Schuh anziehen willst, dann kann und werde ich Dich daran nicht hindern, aber Du verkennst meine Intention.
 
Aaalso, jetzt noch mal ganz langsam, zum Mitmeißeln, und hoffentlich ohne Metaphern oder sonstige fehlinterpretierbare Umschreibungen:
  1. Ich halte Radfahren für eine sehr risikoarme Art der individuellen Fortbewegung.
     
  2. Das ändert nichts daran, daß immer noch ein Restrisiko besteht.
     
  3. Auf dieses Restrisiko hat man einen deutlichen Einfluß, insbesondere durch eine einwandfreie technische Ausrüstung seines Rades, durch gute Fahrzeugbeherrschung, ständige Aufmerksamkeit und berechenbares Verhalten im Straßenverkehr.
     
  4. Ein Helm ist ein ungeeignetes Mittel zur Unfallvermeidung. Es gibt sogar Erhebungen, nach denen ein Helm die Unfallwahrscheinlichkeit möglicherweise erhöht.
     
  5. Einen Helm zu tragen und darüber die in 3. genannten Punkte zu vernachlässigen ist denkbar leichtfertig.
     
  6. Daß ein üblicher, normgemäßer Fahrradhelm geeignet ist, die Folgen eines dann doch eingetretenen Unfalls nennenswert zu mildern halte ich für eine sehr gewagte These.
     
  7. Es stört mich, daß durch massive Öffentlichkeitsarbeit der verschiedensten Gruppierungen ungeachtet der Punkte 1. bis 6. vermittelt wird, daß man irgendeinen Schaden hätte, wenn man unbehütet auf das Fahrrad steigt, bis hin zur Rechtsprechung, die andeutet, daß ich als Radfahrer Schadenersatzansprüche verlieren kann, wenn erstmal die Helmtragequote hoch genug ist und ich unbehelmt zu Schaden komme.
     
  8. Ich halte es für albern, sich Gedanken über Verringerung von Unfallfolgen, nicht aber über Verringerung von Unfällen zu machen und deren Ursachen zu erkennen und zu beseitigen.
> Auch wenn wir hier Artikel der Sorte "mit einem Helm hätte ich den
> Unfall überlebt" bekommen, wird die Frage "woher willst Du das
> wissen?" hundertemale kommen.
Das liegt nun mal in der Natur der Sache. Wer davon überzeugt ist, daß er ohne Helm tot wäre, wird sich davon so schnell nicht abbringen lassen - und wer weiß, vielleicht gibt es wirklich einen Fall, wo diese Annahme zutrifft. Allerdings gebe ich zu bedenken: Es kommen jährlich nur wenige hundert Radfahrer ums Leben (auch wenn das immer noch zu viele sind), so daß man, wenn man von einer hundertprozentigen Schutzwirkung des Helms und einer Helmtragequote von 5% ausgeht ein "Rettungspotential" in der Größenordnung von 25 Radfahrern/a ausgehen kann. Das ist eine obere Grenze, denn mehr als Unsterblichkeit durch Helmtragen geht nicht.
    Gleichzeitig erfährt man von jedem dritten Helmträger (die Zahl ist jetzt nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung, sondern persönliche, nichtrepräsentative Erfahrung), daß ihm das Teil, u. U. schon mehrfach, das Leben gerettet hätte. Beides paßt beim besten Willen nicht zusammen. Selbst wenn man unterstellt, daß die Helmtragezeit schon zehn Jahre beträgt, paßt es hinten und vorne nicht.
    Laß uns mal überschlagen: Wir haben vielleicht 40 Millionen mehr oder weniger regelmäßige Radfahrer in .de [Deutschland] und ich nehme eine mittlere Helmtragequote von nur 2% an. Das sind also 800.000 Radfahrer. Wenn jeder dritte davon überzeugt ist, in den letzten zehn Jahren hätte ihm der Helm auch nur einmal das Leben gerettet, dann sind das 266.000 gerettete Leben in zehn Jahren, also 26.600 pro Jahr. Angesichts der tatsächlich tödlich verunglückten Radfahrer klafft eine erhebliche Lücke, die rational nur durch einen Schritt auflösbar ist: Die Lebensrettungsgedanken sind nahezu immer, zumindest in über 99% der Fälle, reines Wunschdenken.
    Auch wenn alle oben genannten Zahlen nur grob geschätzt sind, geben sie doch die Größenordnungen in etwa wieder, so daß bei der Rechnung mit fundierten Zahlen kein wesentlich anderes Ergebnis herauskommen dürfte.
    Diejenigen, die durch den Helm erst tödlich verunglückt sind und ohne ihn überlebt hätten, die halten sich aus dieser Diskussion aus verständlichen Gründen zurück.
 
Mathias

 
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