Hardshell Logo
 
HardTalk
 
Radhelme und ihre Normen
(Patrick Hansmeier)
 
Prüfzeichen, Empfehlungen, Hinweise. Das findet sich an Fahrradhelmen, auf den Verpackungen, in Tests. Nach einigem Mitlesen bei Helmdiskussionen in de.rec.fahrrad wollte ich genauer wissen, was sich hinter manchen Normen/Richtlinien verbirgt und bei Helmnormen eigentlich geprüft wird. Folgende gibt es, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Bezeichnung Herkunft
SNELL B95 US-am. Stiftung
EN 1078 Europa
CPSC 16 CFR Part 1203 USA
ASTM F1447 USA
ANSI Z 90.4 USA
DIN 33954 Deutschland
Stiftung Warentest Deutschland
GS/TÜV Deutschland
AS/NZS 2063.1:1996 Australien/Neuseeland
BS 6863:1987 GB, British Standards Institution
KOVFS 1985:6 Schweden
JIS T 8134-1982 Japan

 
Allgemeines
Die Prüfungen laufen wie folgt ab: der Helm wird auf einen Prüfkopf mit festgelegtem Gewicht und eingebautem Beschleunigungssensor geschnallt. Über eine Führungsmechanik fallen Helm und Kopf, Helm voraus, auf einen Amboß. Beim Aufprall darf die Beschleunigung, die der Sensor erfährt, einen bestimmten Wert nicht überschreiten.
Die Fallhöhe ergibt sich unterschiedlich. Einige legen die Aufprallgeschwindigkeit fest, andere die Aufschlagsenergie. In den Tabellen habe ich Werte, die ich ausgerechnet habe, mit einem * gekennzeichnet.
Flacher Amboß:
Hier wird meist eine Mindestgröße angegeben, die die Oberfläche haben muß. Absonderlichkeiten habe ich da nicht feststellen können, weswegen ich im weiteren hierzu keine Details liefere.
Halbkugelamboß:
Dieser stellt einen Kugelabschnitt dar, die Kugelradien variieren leicht, liegen etwa bei 50 mm. Eine Mindesthöhe wird verlangt, sei aber gespart. Der behelmte Kopf soll zentral auf das Objekt fallen.
Dach-Amboß:
Ich wähle diese Bezeichnung, da ich bei diesem Objekt die Analogie zu einem Bordstein (dt. Version der EN 1078) oder "kerb-/curbstone" (in den englischen Texten) nicht sehe. Dieses Objekt sieht aus wie ein flaches Firstdach, die Dachflächen haben eine Neigung von etwa 50 Grad gegen die Senkrechte. Die Kante oben hat einen Radius von 15 mm. Das Objekt ist stets mindestens 25 mm hoch, die Längenangabe variiert in den Normen in sinnvollen Bereichen. Der behelmte Kopf soll zentral auf das Objekt fallen.
SNELL B95
Dieser Standard der SNELL Memorial Foundation (SMF) ist unter www.smf.org/ online verfügbar. Die neue Version B2000 ist storniert und kommt nur noch als 2000er Neudruck des B-95 heraus (laut www.smf.org/ ). Die unten wiedergegebenen Testanforderungen bleiben.
Die B95 prüft den Fall auf alle drei Objekte, jedoch mit unterschiedlichen Energien.
Prüfkopf
[kg]
flach rund dach g max.
5 - 6.5 ja r = 48 mm 105 Grad, r = 15 mm 300
Fallversuch
-
Energie
[J]
Geschwindigkeit
[km/h]
Geschwindigkeit
[m/s]
Höhe
[m]
flach 110 20.9 - 23.8* 5.8 - 6.6* > 2.2
rund 72 16.9 - 19.3* 4.7 - 5.8* > 1.3
dach 72 16.9 - 19.3* 4.7 - 5.8* > 1.3
Da für den Prüfkopf ein Gewichtsbereich zwischen 5 kg und 6.5 kg vorgegeben, die Energie die konstante Größe ist, ergeben sich daraus für den Aufschlag unterschiedliche Geschwindigkeiten. Von obigen Bedingungen und Test weicht auch die B2000 im bisherigen Entwurf nicht ab.
    Interessant sind ein paar andere Dinge: Motorradhelme werden nach der SMF auch auf den genannten Objekten getestet, aber mit einer Aufprallenergie von 150 J, die für alle drei angesetzt wird.
    Kommentar: Macht mich stutzig, darf ich mit einem Radhelm etwa nicht ganz so fest auf einem "Bordstein" auftitschen? Fallen Motorradfahrer tiefer? Ach so, 150 J und 5 kg Kopf ergeben 28 km/h oder 3 m.
 
EN 1078
Prüfkopf
[kg]
flach rund dach g max.
3.1 - 6.1 ja - 105 Grad, r = 15 mm 250
Fallversuch
-
Energie
[J]
Geschwindigkeit
[km/h]
Geschwindigkeit
[m/s]
Höhe
[m]
flach 46 - 90* 19.5* 5.42 1.497
dach 32 - 64* 16.5* 4.57 1.064
Die Prüfköpfe sind gemäß EN 960:1998; je nach Umfang (500 mm - 620 mm) wiegen die unterschiedlich viel. Damit kommen entsprechend unterschiedliche Aufprallenergien zustande.
    Durch Zufall bin ich auf die EN 1077 gestoßen, Helme für alpines Skifahren. Diese Norm fordert einen Durchdringungstest. Ist also nicht so, daß es das nicht gäbe.
 
Consumer Product Safety Commission (CPSC) 16 CFR Part 1203
Die Einhaltung der CPSC-Bestimmungen sind in den USA gesetzliche Notwendigkeit seit März 1999.
Prüfkopf
[kg]
flach rund dach g max.
5 ja r = 48 105 Grad, r = 15 mm 300
Fallversuch
-
Energie
[J]
Geschwindigkeit
[km/h]
Geschwindigkeit
[m/s]
Höhe
[m]
flach 97* 22.3* 6.2 > 2.0
rund 58* 17.3* 4.8 > 1.2
dach 58* 17.4* 4.8 > 1.2
Kommentar zur CPSC:
Ich komme nicht umhin, auf einen Artikel in einem anderen Zusammenhang hinzuweisen. Aus John Foresters Artikel (unter www.johnforester.com/Articles/lights.htm) "Bicycle Nighttime Safety Equipment Requirements of the CPSC", habe ich folgendes herausgelesen: nach der CPSC sind Fahrräder Spielzeug, Rad zu fahren ist sowieso gefährlich und die Hersteller dürfen nicht haftbar gemacht werden...
CPSC Homepage: www.cpsc.gov
 
American Society for Testing and Materials (ASTM) F1447
Habe ich nicht im Wortlaut, auch nicht lesen können. Daher kann ich nur wiedergeben, was das BHSI angibt. Was auf deren Webseiten zu lesen ist, sind Neuerungen bei dieser Norm nur geplant in Richtung Harmonisierung mit der CPSC, verschärfung der Anforderungen sei kein Thema.
Prüfkopf
[kg]
flach rund dach g max.
5 ja r = 48 105 Grad, r = 15 mm 300
Fallversuch
-
Energie
[J]
Geschwindigkeit
[km/h]
Geschwindigkeit
[m/s]
Höhe
[m]
flach 97* 22.3* 6.2 > 2.0
rund 58* 17.3* 4.8 > 1.2
dach 58* 17.4* 4.8 > 1.2
ASTM Homepage: www.astm.org
 
American National Standards Institute (ANSI) Z90.4
Habe ich nicht im Wortlaut, auch nicht lesen können. Daher kann ich nur wiedergeben, wie die von anderen eingeschätzt wird. Laut BHSI hat sich die entsprechende ANSI-Kommission aufgelöst. Der Standard sei überholt, ohnehin nicht weitgehend genug. Den entsprechenden Aufklebern sei keine Relevanz beizumessen. Daher spare ich mir alles weitere.
ANSI Homepage: www.ansi.org/
 
DIN 33 954
Durch die EN 1078 natürlich überholt. Sei der Vollständigkeit halber aufgeführt. Landefläche hier ist ein Amboß nach ECE Regelung Nr. 22. Was auch immer das sein mag, werde ich wohl nicht mehr nachschauen. Der Prüfkopf wurde selbiger Regelung entnommen. Die Auftreffgeschwindigkeit soll 4.43 m/s betragen, das sind knapp 16 km/h. Entsprechend ist eine Fallhöhe von 1.000 mm angegeben.
 
Was macht die Stiftung Warentest?
Selber gelesen habe ich lediglich deren Helmtest von 5/99, demnach testen die nach EN 1078. Hingewiesen wird auf die Relevanz des Prüfzeichens, aber nicht darauf, was sich dahinter eigentlich verbirgt.
Der Wiedergabe eines Testberichtes aus test 6/97 unter www.sozialnetz-hessen.de ist folgendes zu entnehmen:
"Geprüft wurde nach Europanorm CEN/TC 158 N 103 (Entwurf). Die Stoßdämpfung wurde anhand einer Fallmaschine mit 57 cm-Prüfkopf bestimmt. Es erfolgte ein freier Fall aus 1,5 m Höhe auf flachen Stahlsockel und aus 1,1 m Höhe auf kantigen Stahlsockel."
CEN/TC 158 ist die Bezeichnung der Arbeitsgruppe, die die EN 1078 entworfen hat.
 
Hinweise
Die genauen Texte der Normen sind ausführlicher als das, was ich hier angebe. Versuchsanordnung, Meßvorschriften, Toleranzen und Abweichungen, Temperaturvariationen, Aufkleber, Trageverhalten: all dies sei dem interessierten Leser zum weiteren Studium überlassen. Einige Standards beinhalten Sonderregelungen für Kinderradhelme (Kopfgewicht/-umfang und entsprechend andere Anforderungen), darauf gehe ich ebenfalls nicht ein.
    Interessante Besonderheiten sind (laut BHSI) ein Durchdringungstest bei der japanischen Norm und ein Punktbelastungstest bei der australisch/neuseeländischen.
    Aktualisierungen der Anforderungen an die Helme in den Fallversuchen habe ich in den letzten Jahren nicht finden können. Aktuell im Verkauf befindliche Helme genuegen also nur den gleichen Anforderungen wie ältere Helme. Die bestätigte sich mir auch in einem EMailkontakt mit dem Hersteller Giro.
    MTB- oder Rennradhelme? Die Normen/Standards treffen diese Unterscheidung nicht, die Unterschiede sind wohl im Design zu suchen. Entfernbare Teile (Sonnenschild, Kinnschutz) werden vor den Fallversuchen abgenommen, wirken sich dort also nicht aus.
 
Links
Links auf Insitute, Normtexte oder entsprechende Seiten, die Vergleiche zwischen den Normen ziehen.
    Das Bicycle Helmet Safety Institute (BHSI) hat auf seinen Webseiten unter www.bhsi.org/standard.htm einen kurzen Vergleich sowie unter www.helmets.org/stdchart.htm eine Tabelle, die sich auf die amerikanischen Normen/Gremien beziehen. Die ausführliche Version ist über www.helmets.org/stdcomp.htm zu bekommen, die alle Standards einbezieht. Dort wird auch genauer auf die Testverfahren eingegangen.
    Die CPSC-Empfehlungen habe ich beim BHSI unter www.helmets.org/cpscstd.htm als Hypertext, als .pdf beim CPSC selbst unter www.cpsc.gov/businfo/frnotices/fr98/10mr98r.pdf.
    Die Hauptseite www.smf.org/stds.html der Helmstandards der SNELL Memorial Foundation der Vollständigkeit halber; damit auch für andere Sportarten/Verkehrsmittel interessant. Oder für Vergleiche.
 
Nach oben
 
Patrick Hansmeier
poh@gmx.net
Last modified: Thu, 8 Mar 2001
 
[Externe Links aktualisiert, Dezember 2008, Bo]

 
Autorenbeiträge:
Anton Ertl | Bernd Sluka | Carsten Lechte | Christian Sachs
Christoph Kaufmann | Harald Kirsch | Karl Brodowsky | Kurt Fischer
Markus Imhof | Mathias Böwe | Natalja Rakowsky | Rolf Mantel
Sven Bauer | Urs Vollmer | Volker Speer | Werner Icking
 
Radhelme und ihre Normen (Patrick Hansmeier)
Helmspezifikationen und Mittelstufenphysik (Andreas Weickenmeier)
ADFC-Bundeshauptversammlung: Helmbeschluß (Stephan Wellstein)
Helme verursachen Kopfzerbrechen
Radlerhelme: Im Ausland schon wieder out
 
Home | Update Info | Links