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Hurra, ich lebe noch! oder: Wie ich lernte, ein verantwortungsvoller Fahrradfahrer zu sein.
 
Dr. Rolf Mantel, 28, Mathematiker und Fahrrad-Sicherheitsberater
 
Als Kind war ich immer ein unaufmerksamer Radfahrer. Ich kannte alle Verkehrsregeln, dachte aber das Radfahren im ländlichen Umfeld sei so ungefährlich, daß man ihm keine Aufmerksamkeit schenken müsse.
    Mehrfach fuhr ich mit dem Rad an den rechten Bordstein, verlor die Kontrolle übers Rad und sprang ab, ohne daß mir oder dem Rad etwas passieren sollte. Als 12-jähriger fuhr ich links auf dem Fahrradweg vor mich hin träumend frontal auf einen entgegenkommenden Mofa-Fahrer und verstauchte mir die Hand. Mit 14 bog ich am Abend eines autofreien Sonntags in der Stadt links ab, wurde vom Gegenverkehr erfaßt, prallte von der Motorhaube ab, flog über die Kreuzung, verstauchte mir einen Fuß und beschädigte mein Fahrrad so, daß es Monate später einen Rahmenbruch bekam. Mit 16 fuhr ich auf dem Heimweg von der Schule auf ein parkendes Auto mit Schrägheck auf, klatschte mit dem Gesicht und Oberkörper auf das Auto, was mir dank Schrägheck nur einen Schrecken, meinem Fahrrad aber eine verbogene Gabel einbrachte. Da mein Schulweg bis auf 300m nur auf Wirtschaftswegen verlief und auf diesen letzen Metern Parkverbot war, fand ich es nicht nötig, meiner Umgebung auf dem Heimweg irgendwelche Beachtung zu schenken, mit Ausnahme der einen Ampel.
    Aus Schaden wird man manchmal klug, aus nicht erlittenem Schaden anscheinend nicht, denn ein Jahr später fuhr ich im Schneeregen auf dem Heimweg von der Schule auf einen parkenden LKW, ohne ihn vor dem Zusammenstoß überhaupt gesehen zu haben. Nach kurzer Bewußtlosigkeit wurde ich für eine knappe Woche zur Beobachtung ins Krankenhaus eingeliefert, wodurch ich die Teilnahme an "Jugend forscht" verpasste, jedoch kurz vor meinem Gebutstag entlassen wurde. Jeder im Krankenhaus war überrascht, daß ich mir bei diesem Unfall keinen feststellbaren Schaden zugezogen hatte.
    Nach diesem Unfall hatten meine Eltern ernste Bedenken, mir den Autoführerschein zu erlauben, taten es aber dennoch, um mich bei den ersten motorisierten Fahrversuchen etwas überwachen zu können - nach dem Führerschein durfte ich ein halbes Jahr lang nur im Beisein eines Elternteils Auto fahren, dann waren sie beruhigt. Anscheinend hatte ich durch meinen Fahrradunfall doch etwas Sorgsamkeit gelernt.
    Dann ergab sich mir jedoch die Chance, auch Motorrad fahren zu lernen, und auf dem Motorrad zeigte sich, daß eine Nicht-Entscheidung, ob ich an einer Einmündung rechts oder links abbiegen will mich geradeaus ins Gelände und zum Sturz bringen konnte, daß ein solcher Sturz bei 80 km/h jedoch dank Helm harmlos war. Zwei Jahre später kam ich mit dem Schrecken davon, als ich einen LKW überholte, der LKW ein Schild "Achtung Kreisverkehr" verdeckte, ich mit 130 km/h in den Kreisverkehr einfuhr und gerade noch herum kam.
    Auf dem Fahrrad hatte ich viele Unfälle durch Unaufmerksamkeit, bis ich einen Unfall hatte, der schwer genug war, mir meine Unaufmerksamkeit gründlich auszutreiben. Danach hatte ich auf dem Motorrad mehrere Stürze, die dank Schutzkleidung glimplich ausgingen, brachte mich jedoch in Situationen, in denen ich nur Glück, daß im Kreisverkehr gerade kein Auto fuhr, keinen schweren Unfall hatte.
    Als mein Motorrad dann gestohlen wurde, nahm ich es als Zeichen höherer Gewalt, da ich inzwischen seit knapp 5 Jahren mit dem Fahrrad keinen nennenswerten Gefahren erlebt hatte, aber mit dem Motorrad mehrfach bei Stürzen Sachschäden und kleinere Verletzungen erlitten hatte.
    Etwa zeitgleich fing ich an, im Internet die (deutschen und internationalen) Fahrradnewsgruppen (einschließlich dort erwähnter Literatur) zu lesen und mich fahrradpolitisch zu engagieren, mit dem Hauptinteresse an Fahrradsicherheit. Dank meiner akademischen Ausbildung konnte ich die praktischen Fahrradtips von John Forester ("Effective Cycling", MIT Press) aus den USA und von John Franklin ("Cyclecraft", HMSO Press) mit den sicherheitsrelevanten Studien integrieren, deren Quellen mir hauptsächlich Bernd Sluka (europäische Quellen) und John Forester (USA Quellen, "Bicycle Transportation") lieferten. Die Tatsache, daß ich mich mit John Forester intensiv im Internet und mit John Franklin auf Tagungen des englischen Cycling Campaigns Network austauschen konnte (John Franklin war Vorsitzender des Vorstandes, ich war ein Jahr lang Vorstandsmitglied), half mir sehr.
    Als ich erfuhr, daß im Rahmen des Fahrradplanes Warwickshire ein Fahrradsicherheitstraining für Erwachsene erstellt werden sollte, stellte ich mich den Planern nebenamtlich als Berater zur Verfügung. In dieser Position mußte ich mir entgültig klar werden, ob ich hinsichtlich eines Fahrradhelmes die Linie John Foresters "...wenn man alle meine Ratschläge befolgt, wird man kaum noch in Stürze verwickelt werden, ein Fahrradhelm sollte dennoch getragen werden, da man nie weiß, ob man Pech hat." oder die Linie John Franklins "Ich sehe keinen Nutzen im Tragen von Fahrradhelmen." einschlagen sollte.
    Letztendlich überzeugten mich die Argumente Mayer-Hillmanns von der Britisch Medical Association ("Cycling towards Health and Safety" BMA) und"Bicycle helmets: the case for and against", Institute for Policy Studies), daß erstens der Lebenszeitgewinn durch Fahrradfahren den Lebenszeitverlust durch Fahrradunfälle um das 20-fach übersteigt (obwohl die Fahrradunfallrate in der UK knapp dreimal so groß ist wie in Deutschland), daß zweitens eine Helmpflicht die Zahl der Radfahrer empfindlich beeinflußt und daß drittens sogar Werbung für Fahrradhelme von dritter Seite die Zahl der Radfahrer empfindlich beeinflußt, indem sie suggeriert, Radfahren sei gefährlicher als Autofahren.
 
Rolf Mantel

 
Autorenbeiträge:
Anton Ertl | Bernd Sluka | Carsten Lechte | Christian Sachs
Christoph Kaufmann | Harald Kirsch | Karl Brodowsky | Kurt Fischer
Markus Imhof | Mathias Böwe | Natalja Rakowsky | Rolf Mantel
Sven Bauer | Urs Vollmer | Volker Speer | Werner Icking
 
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